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Das Argument des Königs, Teil 2

Dem alten General läuft der Schweiß in die Augen. Sein erschöpftes Pferd trägt ihn mit jedem Herzschlag näher und näher an das Gewehrfeuer heran. Warum hat die Leichte das Feuer eröffnet? Werden meine Battailone im Zentrum die Befehle befolgen? Ist die Artillerie endlich in Position? Ich höre noch immer keine Abschüsse …

Sein Ross dampft vor Schweiß als es ihn schnell wie der Wind um die letzten Gruppen im Herbstlaub stehender Buchen- und Birkenbestände trägt … Warum hat die Leichte ihren Befehl nicht befolgt? Sie sollte die Waldung sperren, sich weit auseinanderziehen – keine Angriffsfläche bieten – und den Feind durch Fernfeuer am Vorrücken hindern … Bei Feindberrührung aber sofort Meldung erstatten!

In diesem Augenblick fegt sein Roß über die letzte Kuppe. Der Angsschweiß steht ihm auf der Stirn als sein Blick auf die Männer der Leichten in der Senke zu seinen Füßen fällt. Die kurzen hellen Todesschreie getroffener Soldaten tönen aus der mit Pulverdampf angefüllten Ebene und mischen sich in das Geknatter der Musketen. Als ein Windstoß den Pulverdampf zerreißt stockt ihm das Herz. Die Bayern müssen wahnsinnig sein!

In seiner Furcht peinigte ihn der Gedanke, ein Linienregiment könnte die Leichte überrennen und seine Flanke bedrohen. Jetzt aber starrt er auf ein ganzes Regiment ordentlicher Linieninfanterie.

Die Aufklärung hatte versagt: Die Bayern hatten ein ganzes Regiment auf das schwierige Gelände unserer linken Flanke angesetzt, keine Vorausabteilung, wie es die Aufklärung meldete. Wenn die Bayern durch unsere dünne Linie brechen, und dann in unsere Flanke stoßen rollen sie die Armee auf. Unsere Kavallerie kann uns nicht helfen. Gott gebe, dass wenigstens sie auf der rechten Flanke die schwere Kavallerie aufhalten können …

Ein Ruck durchfährt den greisen General. Kerzengerade richtet er sich im Sattel auf. „Ordonanz!“ brüllt er den blutjungen Kornett zu seiner Linken an, „fliegen sie zurück und peitschen sie das zweite Battailon im Eílschritt heran … die Männer sollen die Beine in die Hand nehmen, als sei der Teufel selbst hinter ihnen her! Gnade uns Gott, wenn Sie zu spät kommen …“

Schon ist der Kornett seinem Blick entschwunden … Salve auf Salve klatschen die bleiernen Kugeln der Leichten in die Bayerischen Linien, diese aber rücken ohne zu stocken auf die dünnen Linien der französischen Verteidiger zu. Verzweifelte Kommandos in französischer Sprache dringen an seine Ohren. Der General steht nun alleine auf der kleinen Anhöhe, und niemand hört, wie er wie zu sich selbst sagt:

„Diese Bayerischen Offiziere sind wahnsinnig! Verflucht seien diese betrunkenen, tollwütigen Hunde, diese Barbaren!“ Und schreiend schüttelt er seine Faust gen Himmel. „Was sind das für Männer, sie müssen ein Herz aus Eisen haben! Ja, kennen sie überhaupt keine Furcht, diese verdammten Teutonen?“
Kein Schuss fällt auf Bayerischer Seite, die vordersten Reihen der Bayern aber werden Reihe um Reihe niedergemäht, die nachdrängenden Soldaten aber schreiten mit eisernen Mienen über die sich windenen Leiber ihrer getroffenen Kameraden hinweg.

„Jetzt hängt es einzig und allein von mir ab, ein Zurückgehen ist unmöglich! Die Männer dürfen nicht weichen!“ Und gleich einem Fieber verfällt der dem Wahnsinn der Schlacht! Sein Pferd bäumt sich vor Schmerz auf, als er ihm die Sporen in die Flanken schlägt. Einem Kriegsgott der Antike, einem Racheengel gleich, fegt er den Hügel hinab – seiner Leichten zu.

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Das Zentrum: Knöcheltief im Schlamm

Die jungen Offiziere der ersten Brigade treiben unter Flüchen ihre Männer voran. Noch ist vor ihnen alles ruhig, den Männern aber merkt man die Strapazen der letzen Wochen an. Selbst die Unteroffiziere, Veteranen aus hundert Schlachten, wirken ausgelaugt, erschöpft, entmutigt …

Müheselig schleppen sie sich durch den knöcheltiefen Schlamm. Ihr erstes Tagesziel liegt noch einige hundert Yards vor ihnen, als auf der linken Flanke dichter werdendes Gewehrfeuer zu vernehmen ist. „Vorwärts, reißt euch zusammen Männer, besetzt diese armseeligen Mauern! Besetzt diese Mauern, sie sind euer Schutz, nicht nachlassen Männer, vorwäääärts!“ 

„Nur Mut Männer, ihr habt es beinahe geschafft!“ Dass der General das zweite Battailon aus der Marschordnung der ersten Brigade gerissen hat, um es persönlich auf die linke Flanke zu führen, verheisst nichts Gutes … „Weiter Männer, vorwääääärts …“ Von der Kavallerie auf der rechten Flanke ist nichts zu sehen … Der Blick über die Schulter verrät dem Battailongeneral dass die Artillerie weit hinter die keuchenden Linien der Infanterie zurückgefallen ist … “ Wenn ich diese Schlacht überstehe reiche ich meinen Abschied ein.  Das geht nie und nimmer gut. Ich habe es gewusst, ich habe es verdammt nochmal gewusst. Letzte Nacht, als ich den General über dem Kartentisch sah, konnte ich mir nichts mehr vormachen. Wir können nicht zurück, nur vorwärts, aber am Ende wartet auf uns kein Ruhm …“

„Herr Major, die Männer können nicht mehr“ reißt ihn der Adjudant aus seinen Gedanken.
Die Augen des jungen Mannes suchen die seinen … „Das sehe ich selbst“ fährt er den Untergebenen an: „Aber es hilft nichts. Wollen sie etwa kehrt machen? Wir sind die erste Brigade! Verstehen sie mich? Sie besetzen diese Mauern, sofort!“

Zu sich denkt er: „Wahnsinn, der Blondschopf könnte mein Sohn sein, noch zu Jung um die Wärme einer Frau gespürt zu haben – aber Milde wird ihn nicht retten …“ Und er spricht zu ihm „Wir machen das jetzt gemeinsam, Sie und ich. Wir führen unsere Männer zum Sieg, haben Sie mich verstanden? Zum Sieg!“ „Ich habe verstanden, Herr Major, zum Sieg …“ Er erkennt die Irritation in den jungen Augen. Mitleid erweicht sein Herz. Er senkt seine Stimme, blickt ihm fest in die Augen: „Hören Sie, mein Sohn: Wenn die Bayern diese verdammten Mauern vor uns erreichen, ist es vorbei. Wir können unsere Männer nur retten wenn wir vor diesen verdammten Bastarden die Mauern erreichen. Verstehen Sie das?“ Die Augen des Jüngeren blitzen ihn dankbar an: „Jawohl Herr Major“
„Also los! Worauf warten wir? Zeigen wir es diesen Bastarden! Vorwärts!“

Und nur zu sich selbst flüstert der Major: „Mehr Menschenkenner als Stratege muss ich sein, das wusste ich immer. Das hat Vater immer gesagt. Und er hatte Recht. Vater hatte immer Recht. Heute werde ich dich stolz machen Vater …“ Der Blick nach rechts, auf die zweite Brigade gibt ihm Hoffnung, und weckt in ihm den Jähzorn. „Diese Anfänger, diese blutigen Anfänger haben alle Ziele erreicht. Die Mauern besetzt, schon besetzen Sie das Gehöft – und wir stecken hier fest …“ Er gibt seinem Pferd die Sporen. Gemeinsam treibt er mit dem Blondschopf die Männer an. Noch sollen sie die Mauern nicht erreichen, aber die Männer lassen nicht nach. Quälend langsam kämpfen sie sich voran, abgekämpft, halb verdurstent. Aber sie lassen nicht nach. Noch nicht …

Mit den im Zentrum verbliebenen Resten der ersten sollte es nicht Recht vorangehen, die Battailone der zweiten Brigade aber besetzen zu diesem Zeitpunkt bereits die ihnen bestimmten Ziele – und vom Feind war weit und breit noch nichts zu sehen …

Das Vorgehen unserer Reiterei scheint wie immer nach Plan und Absprache zu Verlaufen. Auf meinen Cousin ist wie üblich Verlass – seit er das erste Schwadron führt läuft alles wie am Schnürchen sinniert der Brigadekommandeur der zweiten Brigade selbstzufrieden. Bleibt nur das Gehöft noch, das sollte längst besetzt sein. Aber die Männer sind unterwegs, und mein lieber Cousin deckt solange unsere rechte Flanke.
Das Erste Schwadron verlängert, in einem steilen Winkel nach hinten abfallend, das Gehöft zu unserer Rechten. Das zweite Schwadron liegt weiter ostwärts am Rande des kleinen Wäldchens. Sollte hier der Bayer durchstoßen wollen, nehmen wir seine verdammten Reiter in die Zange … Formidable, da kann uns wirklich nichts mehr überraschen. Wenn die Kanoniere endlich ihre Geschütze nach vorne bringen könnten, wäre dei Schlacht schon halb gewonnen …

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Das blanke Entsetzen

Die panische Rufe seiner Männer reißen Herrn Major jäh aus seinen Träumen!
Herr Major hatte vollkommen richtig erkannt, dass die gefährliche Infanterie des Feindes, die Grenadierbattailone im Zentrum, sich bei einem fragwürdigen Manöver verzettelt hatten und noch weit ab lagen. So schafft es auch noch mein besserwisserischer Kollege von der ersten Brigade rechtzeitig, seinen Abschnitt zu besetzen. Herr Major werden in Zukunft mir wohl etwas weniger gönnerhaft entgegentreten, sich den ein oder anderen „gut gemeinten Rat“ verkneifen müssen spöttelte der Kommandeur noch vor wenigen Augenblicken.

Jetzt aber war er hellwach. Was war geschehen? Der Feind hat sich von dem Unvermögen seiner eigenen Grenadierbrigade nicht entmutigen lassen und seine schwere Kavallerie in Marsch gesetzt. „Oh la la, Herr Erzherzog werden doch nicht …“

Der Erzherzog wird! Mit messerscharfem Sachverstand hat er den verwundbarsten Zeitpunkt für die Franzosen erkannt. Wenn der Kulminationspunkt des vorgetragenen Angriffs erreicht ist, wenn die Erschöpfungsphase eintritt, wenn der Feind sich endlich in Sicherheit wähnt, wenn er also nachlässig wird – dann wird er zuschlagen, hart und unerbittlich!

Gleich einer listigen Schlange hatte er die disziplinierten und entschlossenen Schwadrone seiner Kürassiere im Windschatten des Wäldchens an die feindliche Linie herangeführt – um im entscheidenden Moment loszuschlagen!


Lesen Sie hier weiter:

Das Argument des Königs, Teil 3


Sie sind hier in den Text eingestiegen? Lesen Sie den Bericht von Beginn an:

Das Argument des Königs, Teil 1

 

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